Entstehung der Arbeit âFRAUEN kontemplativ unterwegs!â
Dillinger Franziskanerinnen heute
âWie kann ich - verstĂ€ndlich fĂŒr die Menschen von heute - mein Ordensleben als
Franziskanerin gestalten?â
Zu dieser Thematik hat 1993 das Generalkapitel der Dillinger Franziskanerinnen einen wichtigen Text verabschiedet, den wir als âUnser gemeinsames franziskanisches Charismaâ
bezeichnen. In diesem heiĂt es u.a.: âWir verstehen uns als FRAUEN, die kontemplativ unterwegs sind!â
Diese Worte haben mich vom ersten Augenblick an angesprochen und fasziniert. FRAUEN - kontemplativ unterwegs! Diesem Leitmotiv bei Franziskus nachzuspĂŒren, ihm in unserer langen
761-jĂ€hrigen Geschichte nachzugehen und es innerhalb der Theologie fĂŒr unser gegenwĂ€rtiges franziskanisches Ordensleben fruchtbar zu machen, ist Anliegen dieser Arbeit.
Sie möchte uns den Schatz unserer IdentitÀt als Dillinger Frannziskanerinnen,
der uns in 761 Jahren zugewachsen ist, bewusst machen und mit den interessierten Leserinnen und Lesern in einen offenen Dialog treten. Darum möchte ich auch kein bestimmtes Konzept fĂŒr unser franziskanisches Ordensleben vorlegen
sondern lediglich Perspektiven aufzeigen, wie sie sich mir aus den hier vorgelegten Inhalten eröffnet haben.
Innerhalb dieser Arbeit wurde mir auch die schicksalhafte Spaltung zwischen Mystik und Politik, oder auch Kontemplation und Aktion, wie wir sie traditionell nennen, deutlich. Der Kampf zwischen diesen zwei âPolenâ liegt ĂŒber der ganzen Kirchen- und Ordensgeschichte wie ein schwarzer Schatten. Ein einseitiges VerstĂ€ndnis von Kontemplation hat im Laufe der Jahrhunderte die Entwicklung der verschiedenen Formen des Ordenslebens stark beeinflusst. Franziskus, mit seiner tiefen Verbindung von Mysthik und Politik, revolutionierte mit dieser SpiritualitĂ€t deshalb nicht nur die Kirche seiner Zeit, sondern brachte auch eine ganz neue Ordensbewegung in Gang: MĂ€nner und Frauen, die sich als âkontemplativ unterwegsâ mit den Menschen wissen.
Auf der Suche nach einer authentischen Verbindung von Mystik und Politik wurden mir Impulse aus dem MissionsverstĂ€ndnis des indischen Theologieprofessors Michael Amaladoss, SJ und die Begegnung mit den Kleinen Schwestern Jesu zu einer wertvollen und unersetzbaren Hilfe fĂŒr mein franziskanisches Ordensleben von heute. Mit ihrer langen Erfahrung des Zusammenlebens in einem nichtchristlichen Umfeld, ihrer tiefen meditativen SpiritualitĂ€t und den klaren Optionen fĂŒr ein bekennendes christliches Lebenszeugnis eröffneten sie mir ganz neue Horizonte fĂŒr die Verwirklichung unseres franziskanischen Charismas als Frauen, die kontemplativ unterwegs sind.
Spannend und faszinierend war es fĂŒr mich, der Entwicklung von
Mystik und Politik in der 761- jĂ€hrigen Geschichte der Dillinger Franziskanerinnen nachzugehen und zu entdecken, dass sich Gott weder von Staat noch von Kirche daran hindern lieĂ, sein
franziskanisches Charisma in unserer Gemeinschaft immer tiefer auszuprÀgen. Bemerkenswert ist die Feststellung, dass die Wendepunkte in unserem SelbstverstÀndnis hÀufig durch die
âungeliebtenâ Ereignisse unserer Geschichte hervorgerufen wurden. So wandelten sich Orte der absoluten Krise und Ausweglosigkeit nicht nur zu Orten intensivster Gotteserfahrungen, sondern auch zur
Herausforderung, unser spezifisches Charisma immer deutlicher auszuprÀgen.
Aus dem Schreiben dieser Arbeit heraus lĂ€sst sich fĂŒr mich die âaktuelle Kriseâ der Orden heute auch neu bewerten. Unsere Situation der Ăberalterung, des Nachwuchsmangels und der Abgabe
vieler traditioneller Aufgaben und Institutionen muss nicht zwangslÀufig den Nied
ergang oder das
Aussterben unserer Kongregation bedeuten. Im Gegenteil: Im aufmerksamen Hinhören und EinfĂŒhlen in Gottes Geschichte mit unserer Gemeinschaft eröffnen sich wertvolle Perspektiven und wir können die Gestalt unserer
zukĂŒnftigen franziskanischen Sendung als Ordens-FRAUEN in der Kirche nicht nur schemenhaft erahnen, sondern schon heute in unserer Mitte deutlich lebendig werden lassen. Damit dieser Prozess gelingt, bedarf es aber noch
eines intensiven Dialoges, nicht nur zwischen den unterschiedlichen Mitschwestern, Provinzen, LĂ€ndern und Generationen, sondern vor allem des Dialoges mit IHM, der uns - allen StĂŒrmen der Kirchengeschichte zum Trotz - immer wieder neu
zu Frauen, die kontemplativ unterwegs sind, gerufen hat.
So wĂŒnsche ich allen Leserinnen und Lesern - pace e bene - Frieden und Heil - !
Sr. M. Veronika Görnert